Mein wissenschaftlicher Tisch

Gestern auf Twitter eine schöne Diskussion über die potenzielle Ausgrenzung verfolgt, die der Begriff „wissenschaftliches Arbeiten“ mit sich bringt. Die These: Viele Menschen könnten wissenschaftlich arbeiten, wenn sie nicht in dem Glauben erzogen würden, dass das nur etwas für Wissenschaftler sei.

In der Diskussion machte der Link auf ein Video die Runde, das diese These sehr illustrativ untermauert. Hab ich weiter unten verlinkt, für Neugierige. Viel neugieriger hat mich allerdings der Wikipedia-Eintrag zu „Wissenschaftliches Arbeiten“ gemacht, den ich nachlesen wollte. Ich rief ihn auf, nur um auf eine Weiterleitungsseite zum Artikel „Wissenschaftliche Arbeit“ zu stoßen, in dem „Wissenschaftliches Arbeiten“ nur ein untergeordneter Abschnitt ist. Wissenschaftliches Arbeiten ist also im Kontext einer wissenschaftlichen Arbeit, beispielsweise einer Dissertation zu verstehen?

Also, Wikipedia-Artikel kann jeder ändern. Mir geht es gar nicht um den Artikel, sondern um die These der Ausgrenzung durch Begrifflichkeiten, die an diesem Beispiel praktisch sehr greifbar wird.

Im Artikel findet sich sinngemäß die folgende Verkürzung:

Wissenschaftliches Arbeiten führt als Ergebnis zu einer wissenschaftlichen Arbeit.
Und die ist deshalb wissenschaftlich, weil sie den Standards der Wissenschaft genügt.

Das ist ein ganzer Haufen „Wissen“ für nur zwei Sätze. Aber jetzt übertrage ich mal dieses Konstrukt auf eine andere Profession, das Handwerk. Das liest sich so:

Handwerkliches Arbeiten führt als Ergebnis zu einer handwerklichen Arbeit.

Stopp. Klingt einleuchtend, denn wenn ich einen Tisch zimmere, dann arbeite ich zweifellos handwerklich. Am Ende steht eine handwerkliche Arbeit, nämlich der Tisch. Den denke ich mir ja nicht bloß aus, sondern baue tatsächlich einen.

Interessant wird es, wenn es zum zweiten Satz kommt:

Und die (handwerkliche Arbeit) ist deshalb handwerklich, weil sie den Standards des Handwerks genügt.

Hier hakt es. Mein Tisch muss ganz sicher nicht den Standards des Handwerks genügen, mit all seinen Normen und Qualifizierungen. Da können Nägel gefährlich unter der Tischplatte herausragen. Die Lackierung kann uneinheitlich sein. Da mögen verhobelte Kanten im Material sein oder zwei von vier Beinen zu kurz. Und trotzdem wäre mein Tisch eine handwerkliche Arbeit. Ein Zimmermann hat einen Gesellenbrief in der Tasche und Standards, die seine Arbeit erfüllen muss. Er dürfte so etwas wie meinen Tisch nicht abliefern. Aber ich darf das, denn ich bin kein Handwerker, sondern einfach jemand, der handwerklich gearbeitet hat.

Hier ist der Punkt:

Unser sprachlicher Umgang mit Wissenschaftlichkeit suggeriert, dass nur Wissenschaftler wissenschaftlich arbeiten können. Ist aber nicht der Fall. Prinzipiell kann das jeder, genauso wie prinzipiell jeder einen Tisch bauen kann. Natürlich bekomme ich den Goldstandard nur, wenn ich einen Zimmermann beauftrage (Kaufen kommt aufs Gleiche hinaus!). Ich kann den Tisch aber auch einfach selber bauen, alleine oder mit Freunden. Mit Anleitung oder ohne, Hauptsache am Ende hab ich einen Tisch, der seinen Zweck erfüllt. Ich brauche kein Zertifikat dafür.

Bei einem Tisch würde sich niemand etwas Gegenteiliges erzählen lassen. Aber bei wissenschaftlichem statt handwerklichem Arbeiten? Wo ist das Selbstvertrauen, dass wissenschaftliches Arbeiten eine Technik ist, die wir schon in der Schule beherrschen könnten, wenn sie denn gelehrt würde? Ist ja keine Hexerei; eher eine Sache der Ehrfurcht vor dem Bildungsweg. Nichts gegen die Wissenschaft, ganz und gar im Gegenteil. Würde sie nicht enorm profitieren, wenn wissenschaftliches Arbeiten eine allgemeine Kulturtechnik wäre, so wie Kernregeln der Mathematik?

Wenn ich bis hierhin noch nicht plausibel genug das sprachliche Missverhältnis aufzeigen konnte, dann vielleicht mit einem Trick. Wie klingt dieser Satz?

Wenn du später dein Abitur schaffst, dann kannst du auf die Uni gehen und dort Punkt- und Strichrechnung studieren!

Albern? Genau!

Hier noch das gut gemachte, wenn auch wissenschaftlich nicht durchgehend überzeugende Video über eine Rede von Sir Ken Williams zu neuen Bildungsparadigmen: RSA Animate – Changing Education Paradigms.

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