CC-Henne und CC-Ei

Creative Commons wird zehn Jahre alt. Zum Jubiläum kann eine erfrischende Kontroverse zur Sinnhaftigkeit des CC-Modells nachgelesen werden. Leonhard Dobusch argumentiert in der ZEIT, dass das Urheberrecht nicht zwingend reformiert werden muss, um sinnvolle Urheberrechtspolitik machen zu können. Creative Commons-Lizenzen sind für ihn ein gutes Beispiel für erfolgreiche Veränderungen.

Genau das bestreitet Michael Seemann an gleicher Stelle. Wenn überhaupt, dann sei das Modell CC ein mehr schlechter als rechter Übergang hin zur radikalen Reform des Urheberrechts. Er bedauert, dass der Schritt dorthin nicht getan wird.

Es lohnt sich, dem Reflex zu widerstehen, sich zwischen einer dieser beiden Sichtweisen entscheiden zu wollen. Dann nämlich bleibt Platz für die ernsthafte Frage, aus welchem Grund das Urheberrecht eigentlich bisher nicht abgeschafft worden ist.

Warum nicht?

Weil an das geltende Urheberrecht von vielen Stimmen das Recht geknüpft wird, mit immateriellen Leistungen Geld verdienen zu können.

Das ist eine Feststellung, keine Wertung. Einmal völlig außen vor gelassen, wie viel Geld wie viele Menschen durch das Urheberrecht tatsächlich verdienen können, sollten (oder meinetwegen auch dürfen sollten): Es pochen viele Menschen auf das Recht, diese Option wählen zu können. Und es gibt das klassische Urheberrecht genau deshalb noch immer, weil diese Menschen keinen realistischen Gegenvorschlag sehen, der dieses Recht in gleichem Maße sichert.

Wer eine radikale Reform des Urheberrechts durchsetzen will, kommt um einen solchen Gegenvorschlag nicht herum. Eine Reform oder eine Abkehr vom Urheberrecht zu fordern, genügt nicht. Es muss gesagt werden, wie das neue System funktionieren soll. Das heißt nicht, konkrete Lösungen zeigen zu müssen. Es ist völlig legitim, ein Ziel zu formulieren, ohne den Weg dorthin zu kennen. Meistens fördert genau dieser Ansatz Innovationen. Aber selbst der unbekannte Weg muss mit bekannten Mitteln bewältigt werden.

Die USA formulierten das Ziel Mondlandung lange bevor klar war, wie das Ziel umgesetzt werden kann. Die NASA stellte sich nicht die Frage, was sie mit ihrer vorhandenen Technik machen konnte, sondern welche Technik sie brauchte, um auf dem Mond zu landen. Kein konkreter Plan? Macht nichts. Realistisch war das Vorhaben trotzdem, und zwar weil es Raketentechnik, Forschungsgrundlagen und geeignete Materialien – bekannte Mittel – gab.

Auch die Abkehr von fossilen Brennstoffen ist nur deshalb realistisch, weil wir wissen, dass Energie aus Wind, Sonne oder Wasser gewonnen werden kann und wir über alle diese Rohstoffe – diese Mittel – verfügen können. Wie das im globalen Maßstab funktionieren soll? Das mag der unbekannte Weg sein, aber er untergräbt nicht die Legitimation des Zieles.

Beim Urheberrecht ist das anders, zumindest wenn eine radikale Reform das Ziel ist, in der mit immateriellen Leistungen potenzielles Geldverdienen möglich sein soll. Dann genügt die bloße Forderung des „Neuen“ nicht, weil weder der Weg klar ist noch die Mittel offensichtlich sind.

Dabei gibt es mit der Aufmerksamkeitsökonomie ein Mittel, und zwar exakt eines. Nur wird es auch nach Jahren voller Crowdfunding- und DIY-Erfolge von den Gegnern einer Urheberrechtsreform als unglaubwürdig = unrealistisch angesehen.

Und wieso das nun wieder?

Womöglich, weil das Idealbild der Aufmerksamkeitsökonomie  eines ungelösten Widerspruchs wegen nicht überzeugt, der nicht zuletzt an Michael Seemanns Artikel deutlich wird. Darin wird hervorgehoben, dass jeder mit den Texten des Autors machen kann, was er oder sie will, und dass ihm gerade die so generierte Aufmerksamkeit Geld bringt. Das Problem ist, dass Seemann dies in einem Pressemedium schreibt, das seinen Autoren Geld bezahlt – Geld aus dem Verdienst mit urheberrechtlich geschütztem Material.

Für mich ist dieses Beispiel besonders im Hinblick auf

  1. Das ausstehende Gegenangebot in Sachen Wahlmöglichkeit und Geld,
  2. Die innere Logik der Aufmerksamkeitsökonomie

…interessant. Es lässt sich in diese Problembeschreibung fassen:

Es braucht kein Urheberrecht, um kreative Leistungen zu erbringen. Aber kann es ein Geschäftsmodell für urheberrechtsfreie Leistungen geben, das nicht in wenigstens letzter Instanz auf urheberrechtlich erzeugten Gegenwert angewiesen ist?

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