Dawn of the Rummel’s Death

Vor Kurzem verstarb der Regisseur George Romero. In bleibender Erinnerung bleibt er zahlreichen Nachrufen zufolge nicht nur dafür, dass er den moderen Zombiefilm erfunden hat, sondern auch dafür, dass das eigentliche Wort „Zombie“ in seinem Klassiker Night of the Living Dead überhaupt nicht gesagt wird. Auch wer heute noch was auf dem Kasten hat in Sachen „Untote“, verzichtet gerne auf das plakative Wort, so wie in AMCs mittlerweile sieben Staffeln von The Walking Dead, wo völlig austauschbar ist, wie die komische Bedrohung genannt wird. Schließlich geht es weder bei Romero noch bei The Walking Dead wirklich um die wandelnden Toten, sondern darum, was sie für Auswirkungen auf die soziale Gemeinschaft der Übriggebliebenen hat. Und genau das habe ich mich neulich auf dem Berliner Volksfestsommer auch gefragt.

Sah zwar nicht so aus wie die Apokalypse in Atlanta, fühlte sich auch nicht an wie gefangen hinter mit Brettern verbarrikadierten Türen, aber so, als ob alle farbenfrohen Vorstellungen eines Rummels zu Grabe getragen worden wären und nun ausgelutscht auf dem zentralen Festplatz (das heißt so) wiedergingen. Eine Begegnung mit einem untoten Konzept: Zombies haben auch nur noch die äußerliche Form von dem, was sie vor ihrem Ableben waren. Antrieb haben sie keinen, außer Leute in ihre Finger zu kriegen, die ihnen naiver Weise zu nahe kommen. Zum Glück können Menschen in der Regel schneller rennen – oder sich taktisch einen Weg aus der Falle bahnen…

S1E1, Die ersten 30 Minuten

Eintritt frei. So steht das groß auf Plakaten und am Eingang. Das ist ja mal eine Ansage, …die skeptisch machen sollte. Kind an der Hand laufe ich durch eine leere Betonschneise auf das Volksfestgelände. Alles, wie man es gern hätte: Nach links laufen oder nach rechts? Egal, überall Zuckerstangen, Mandeln, Bratwürste, Büchsenwerfen, Losbuden, Fahrgeschäfte! Also, ab durch die Menge. Okay, es ist nicht wirklich eine „Menge“; voll ist anders, obwohl es der letzte Tag des Volksfestes ist. Direkter Blick auf einen Stahlarm, so hoch wie das Brandenburger Tor, der Leute in Sesselreihen im Kreis durch die Berliner Luft schleudert. Die Verbotsliste für Leute, die versicherungsbedingt nicht einsteigen dürfen, hängt als Blechwand neben der Kasse und ist länger als jeder Beipackzettel.

Dann doch lieber die Familienachterbahn direkt neben dem Monstrum. Erwachsene 5 Euro, Kinder 4 Euro. Zwei Tickets gekauft, rein in den Wagen, ab geht die erstaunlich wilde Fahrt. Hoch, runter, es knackt im Gebälk, das Abbremsen am Ende stellt sich eher als Festratschen heraus, bei dem das Kind Kontrolle über den eigenen Nacken verliert und fast mit dem Kopf auf den Sicherheitsbügel klatscht. Wortloses Herauslösen durch zwei Männer. Abgang.

Hier, ein wundersames Kabinett mit Irrspiegeln! Gleich rein, 6 Euro für zwei Personen. Kind oder Erwachsener ist egal, hier wird monetär gleichbehandelt. Sehr cool, weil man echt nicht weiß, ob vor einem nun eine Scheibe ist oder ein Spiegelbild oder ob man durch eine Öffnung kann. Es dauert bestimmt eine ganze Minute, bis man da durch ist und richtig drin im Kabinett. Oh, es gibt kein „drin im Kabinett“! Die letzte Öffnung geht direkt zum Rummel raus. Kurzer Blick zur Aufpassperson am Ausgang, dazu ein ganz und gar unfreiwilliger Ausruf…

„War es das schon?“

Achselzucken.

Ein spontaner Schauer treibt uns unter ein Fressbudenvordach. Okay, da die alle das identische Sortiment aus gebrannten Mandeln, Cashews, Zuckerstangen, Brezeln oder Crepes haben, gebe ich die Suche nach was anderem auf und kaufe. 100g gebrannte Mandeln für 3,50 Euro – es hat ja auch unsommerliche 20 Grad und Wind – und eine Zuckerstange fürs Kind (2,50 Euro). Ha, gegenüber lockt ein drei Meter hoher Plastikwerwolf Mutige in die Geisterbahn! Genau da müssen wir doch rein.

Zwei schwarze Jetons gegen 4 Euro pro Nase, unsere farblich passenden Eintrittskarten in die jenseitige Welt. Kurzer schmunzelnder Austausch unserer Blicke, denn man muss halt schon mitspielen bei der Illusion. Ernst bleiben! Wir versuchen den Typ zu ignorieren, der jeden Wagen, der auf dem Gleis durch das Ausgangstor rollt, freundlich weiterschiebt, um dann die Insassen doch noch in letzter Sekunde mit einem Brüllschrei von hinten zu erschrecken. Lalala, haben wir nicht gesehen. Lalala, den jungen Mann mit Make-up und scary Kontaktlinse am Eingang gucken wir auch nicht an. Dann sind wir nämlich später überrascht, wenn er uns wie alle anderen böse mustert und uns dann reinschiebt. Lalala. Klappt, wir sind drin!

Nachtschwärze erwartet, Halbdunkel bekommen, mit schönem Blick auf Planen und Kabelbinder der diesseitigen Welt. Eine Kurve rechts, Krokodil mit Rotlichtlampe in den Augen, eine Kurve links, Typ mit Scream-Maske klettert seitwärts auf den Wagen und schreit, Kurve rechts, ein klappender Sarg, Kurve links, noch ein Einweg-Erschrecker, vorbei.

Der Von-hinten-Schreier beim Ausstieg macht wider Erwarten nichts…

Einmal fast rum, um das Volksfest. In der Mitte eine Art Marktplatz mit Sitzbänken für hunderte Leute, darum ein dutzend weitere Fressbuden. Alles leer, Sonntag Nachmittag. Seit unserem Gang durch die Betonschneise sind etwa 30 Minuten vergangen – und knapp 30 Euro. Also, für einen Erwachsenen, ein Kind und das Auslassen von 9 von 10 Buden auf dem Rundweg.

S1E2, Die letzten 15 Minuten

Ich setze meine Schritte von nun an vorsichtiger, eher so mittig und Richtung Ausgang. Eine Frau mit Mikrofon-verzerrter Stimme verlangt lautstark nach der Aufmerksamkeit des kleinen Mädchens. Sie solle doch zum Werfen rüberkommen. Die Worte dröhnen mit der rauchigen Herzlichkeit eines Marktschreiers auf dem Fischmarkt. Nun los, du da, der erste Ball ist auch umsonst, komm‘ rüber. Dann kannst du gucken, ob es dir gefällt …bevor ihr kauft.

Nein, untote Erlkönigin, du bekommt mein Kind nicht! Ich greife nach seiner Hand und stelle fest, dass ein anderes Kind gemeint ist. Es steht unentschlossen zwischen Wurfbude und Mutter. Schnell weg. Hier sind alle auf sich allein gestellt, tut mir leid.

Die Umrundung endet an einem riesigen ausgeklappten Lastwagen voller Plüsch und Plaste. Die Losbude! Was muss, das muss. War so abgemacht.

Endgegner.

Drei Lose 1 Euro? Oder die XXL-Lostüte für 15 Euro? Hmm, also… hier, die XL-Lostüte für 5 Euro nehme ich! Ob der Mann, der mein Geld nimmt, auch meinen Kaufwunsch versteht, kann ich nicht so ganz sagen, denn er sagt nichts. Der Blick geht unbeteiligt in die Ferne. Zumindest hält er einen handelsüblichen Eimer halb in meine Richtung geneigt. Und er zieht ihn auch nicht weg, als ich zaghaft meine Hand vorstrecke und hinein linse. Tatsächlich, das müssen die XL-Lostüten sein, und zwar im Wortsinn: vorlaminierte Tüten, nix da mit aussuchen. Ich fingere eine der Tüten aus dem Eimer.

Ans Werk! Erstaunlich wenig Nieten. Für den Mega-Freiwahl-Hauptgewinn muss man eine Familie aus gestempelten Tochter, Sohn, Omi, Opi, Mama und Papa sammeln. Wir haben gleich mehrere Töchter, aber auch jeweils einmal den Rest. Am Ende fehlen nur zwei aus der Stempelfamilie. Trotzdem viiiiiele Sammelpunkte, die freudig eingelöst werden wollen. Und die Leute neben uns haben fast nichts außer Nieten. Wir zählen deshalb unsere zahlreichen Einzelgewinne nur halblaut zusammen. 220 Punkte! Was kostet die Welt? Ran an die Auslage, kurz orientieren, dann schön weit nach rechts laufen, wo die Punktzahlen immer kleiner werden. Einen Fidget-Spinner, das wäre dann der drölfzigste, gibt es erst ab 300 Punkten. Das Kind könnte sich zwischen irgendwelchen Gummibändern und pinken Anhängern entscheiden, ein paar entstellte Plastikfigürchen sind auch im Angebot. Nach fünf Minuten Gucken eine für mich neue Lebenserfahrung:

Wir nehmen gar nichts und lösen die Lose nicht ein. Das Kind weiß nicht, was es mit diesen Dingen machen soll.

Flucht

Während wir über die Betonschneise das Gelände verlassen, fängt mein Hirn an aufzuarbeiten: Wir sind unversehrt. Das ist das wichtigste. Dann der Gedanke an all die desinteressierten Blicke hinter Tresen, Eimern und Kassenfenstern. All die Dinge, an denen wir uns stumm vorbei gemogelt haben wie zum Beispiel das Ponyreiten: Shetlands im 5-Meter-Kreise gehend – zweifellos zu einem dem Durchmesser adäquaten Preis. Die im Regiment aufgestellten Greifroboter, also die, bei denen man das coole Kuscheltier genau richtig liegen sieht, genau richtig anvisiert, und wo der Greifarm dann wie schlaffe Spaghetti niedersinkt. Die Fake-Spielhölle, in der auf allen verstaubten Geräten „Las Vegas“ steht…

Die Autoscooter! Das Basketball-Werfen! Das Galoppwettrennen mit Löchertreffen…

Ich hätte wirklich gerne einen Nachmittag hier auf einem Rummel verbracht, anstatt eine Dreiviertelstunde. Aber so was würde bei freiem Eintritt, äh, was genau kosten? 80 Euro, 100 Euro – wenn man alles auch nur 1x macht, was Spaß macht? Zu zweit, nicht als vierköpfige Familie? Man muss nicht gleich ins Nostalgie-Extrem verfallen und schnappatmend umrechnen, was das alles in OSTMARK!!111 gewesen wäre. Erinnern kann ich mich dennoch daran, dass ich als Kind auf Weihnachtsmärkten und sonstigen Rummeln (Rummels? Rummeltae?) auch mal fünfmal mit demselben Fahrding unterwegs sein durfte, und man ständig mal hier mal da was ausprobierte. Bei dem Takt allerdings, in dem auf dem Berliner Volksfestsommer die Scheine gegen Wechselgeldmünzen wandern, würde jeder Taxameter neidisch. Freier Eintritt? Ich würde meinetwegen auch gerne 20 Euro pro Person Eintritt abdrücken, wenn man danach machen könnte, was man wollte und wofür so Rummel mal toll waren: einfach so herumlaufen, Dinge naschen, überall mal stehenbleiben, werfen, rutschen, erschreckt werden – und dann gleich nochmal! Und nochmal! Und n o c  h  m    a    l!

Den ganzen Nachmittag.

Dawn of the Rummel’s Death

Sicher, das hat alles bestimmt gute Gründe. In der Stadt ist die Konkurrenz groß. Da will man vielleicht nicht mit Eintritt zum Volksfest Leute vergraulen. Vielleicht ist auch die Standmiete happig. Vielleicht ist schlicht heutzutage so ein Fahrgeschäft mit Aufbau, Leuten und Steuern einfach teuer. Und ganz sicher sollte man von den einzelnen Betreibenden nicht erwarten, dass sie sich zusammenschließen und Geld liegen lassen, um den Besuchenden eine bessere User Experience zu liefern.

Leider heißt User Experience in diesem Fall Freude am rumrummeln. Und die bleibt offensichtlich nicht nur bei mir auf der Strecke, wenn man sich den mauen Besuch anschaut. Warum soll da irgendjemand ein zweites Mal hingehen? Das ist wie Fuffis im Club verteilen – nur ohne Club und ohne Leute, die wenigstens so tun als fänden sie gut, dass man physisch präsent ist. Das ehemalige Deutsch-Französische Volksfest, wie der Volksfestsommer Jahrzehnte hieß (Rebranding ftw) sah nur von Weitem lebendig aus. Es ist ganz und gar untot, so wie die meisten Rummel. Da täuscht kein Menschen wirbelnder Stahlarm drüber hinweg. Auch nicht die automatische Erklärung des Werwolfs von der Geisterbahn, dass es sich bei ihr um „Entertainment pur!“ handele.

Wenn dann der Kassensturz dieses Jahr unerklärlicher Weise ernüchternd ausfällt, dann muss die Superkrake wohl oder übel nächstes Jahr 50 Cent mehr kosten. Und das Spiegelkabinett und die Wildwasserbahn. Und die Mandeln. Oder? ODER?

Eine Spirale. Noch mehr Druck, noch mehr Verkaufszwang. Das sieht alles nur noch aus wie Rummel, ist aber seelenlos. Ein Transaktions-Terminal, gebaut, um möglichst effektiv Geld zu ziehen, koste es, was es wolle. Passender Weise steht auch gleich ein Zasterlaster der Volksbank auf halbem Weg durch die Buden, damit man sich frisches Cash holen kann auf der Wiese neben der Autobahn. So wie eine Item-Schatzkiste in Videospielen. Nachladen und zurück in den Nervenkitzel. Aber gut: Die großen Freizeitparks haben es vorgemacht, also das generalstabsmäßige und nicht billige Abfertigen von Besuchenden. Wenigstens zahlt man da einmal und kann dann machen, was man will. Und wird dabei auch noch hofiert. Rummel in Berlin?

Spuckt Leute im Akkord aus.

Eine Tradition, von der nur noch eine Hülle da ist. Rausquetschen was geht, das ist alles, was hier zählt. Womöglich war das schon immer so, aber man konnte es als Gast nicht so sehen. Oder besser, es sprang einem wenigstens nicht ins Gesicht in Form vorsortierter Lostüten, aus der Zeit gefallenem Preiseschrotts oder aufdringlicher Abfischversuche. So ist das halt mit den Wiedergängern, schon seit George Romero: Erst wenn sie leer im Kopf wie im Delirium auf dich zu stolpern, um zu snacken, merkt man, was man gerne zurück hätte. Aber es kommt nichts zurück. Außer die 80er. Jede gute Zombievariation allerdings endet nachdenklich und dystopisch. Heilmittel gibt es nur in schlechten Variationen, wenn Brad Pitt mitspielt. Und dann geht es um Zombies, nicht um das, was sie beim Menschen auslösen.

Irritation, Wehmut, Stirnrunzeln… This is the Dawn of the Rummel’s Death. Echte Rummel, ich habe noch welche gesehen.

 

 

…1600 Ostmark!

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Brüssel & Perspektiven

In den Tagesthemen heißt es, die Innenstadt von Brüssel sei abgeriegelt, das öffentliche Leben würde erliegen. Die Metro, das wichtigste Verkehrsmittel, fahre nicht mehr. Eine Stadt im festen Griff des drohenden Terrors.

Es war nicht der erste solche Beitrag, den ich gesehen habe.

Um mal eine andere Perspektive zu bieten: Samstag und Sonntag war ich in BrüsIMG_20151121_180013sel, jetzt wieder in Berlin. Ja, überall in der Stadt laufen schwer bewaffnete Soldaten herum. Seit heute morgen auch mit tief ins Gesicht gezogenem Mundtuch in Tarnfarben. Auf den Plätzen wie dem Großen Markt stehen gepanzerte Einsatzfahrzeuge. Sie fahren aber nicht Patrouille. Die Innenstadt ist auch nicht abgeriegelt. Man kann sich frei bewegen, und das machen die Menschen auch.

Es ist kalt und regnerisch gewesen, was nicht heißen soll, das Menschen während des Terroralarms nicht lieber zu hause blieben. Heute sah ich mehr Menschen auf dem Platz vor meinem Hotel als Samstag Abend, inklusive eines belgischen Fernsehteams. Ich habe mir den Reporter mit dem windgeschützten Mikrofon gemerkt, weil er vor so einem der gepanzerten Fahrzeuge stand und anscheinend mit dem Kameramann scherzte. Jedenfalls lachte er herzhaft.

Man kann übrigens statt der Metro die anderen Züge nehmen, die an den großen Bahnhöfen der Stadt halten. Oder die Tram. Oder die Busse. Und Essen gehen kann man auch, …wenn man zum Beispiel nicht selber vor Ort kochen kann wie ich. In dem winzigen thailändischen Restaurant gestern Abend schmeckte es gut, nur die Musik war eine eigenartige Mischung aus Euro-Pop, Rock und asiatischen E-Gitarren. Als ich ging, spielten sie Roxette. Eine Frau an einem der Tische fing spontan an zu singen. Andere auch.

Wir schmunzelten alle.

Morgen bleiben also die Schulen zu. Ich nehme das alles andere als leicht. Und man kann nicht ignorieren, sich durch eine Stadt mit höchster Terrorwarnung zu bewegen – selbst wenn man weiß, das man selbst ja in ein paar Stunden wieder ganz woanders sein wird. Dennoch: Das Brüsseler Straßenbild hat gerade beinahe ebenso viele Kamerateams wie Einsatzwagen. Ich denke, ein 3-Minüter in den Tagesthemen oder anderswo muss nicht 3 Minuten voller Einschränkungen und Militärjargon zeigen. Vielleicht genügen auch 2 Minuten, …dann wäre noch 1 übrig für mutige Bilder oder jemanden, der lacht, obwohl es nichts zu lachen gibt. Das würde dann nämlich auch die Realität abbilden.

Sommerkino am Bundespresseamt: Das Leben der Anderen

Festspielzeit. Am Tag vor dem Auflauf der Stars und Sternchen in Bayreuth werden in Berlin Liegestühle am Bundespresseamt aufgeklappt. Vor dem Eingang eine große Leinwand, die sich leicht im Wind bewegt. Jetzt, kurz vor Sonnenuntergang, kühlt der heiße Tag merklich ab. Etwa 300 Menschen haben sich zum „Sommerkino“ eingefunden. So heißt die Serie, in der Open-Air-Filme gezeigt werden, kostenlos und draußen. Heute wird „Das Leben der Anderen“ gezeigt. Den habe ich tatsächlich noch nie gesehen, also suche ich nun nach einem Sitzplatz. Hoffnungslos, obwohl ich eine halbe Stunde vor Filmbeginn da bin. Auf der Suche nach einer Möglichkeit zu hocken oder sitzen finde ich einen Verkaufswagen im Retrostil. Er steht links der Leinwand. Im Angebot sind Nachos, Snacks und Alkoholfreies. Ich kaufe Dinge, um mich dann als Kunde an einem der drei Stehtische vor dem Wagen zu postieren. Aluminium. Leicht auflehnen, das geht. Und die Sicht auf die Leinwand ist frei. Hier bleibe ich für die nächsten zwei Stunden.

Alle paar Minuten das Gewicht verlagern, von einem Fuß auf den anderen. Gar nicht so unbequem. Man sitzt sowieso viel zu viel rum. Vor dem eigentlichen Film werden einige Zeitzeugen gezeigt, von damals, kurz vor dem Mauerfall. Dazu ein paar Zitate, Rückblicke. Das Gewimmel rund um den Platz ebbt ab, sobald „Das Leben der Anderen“ beginnt. Vielleicht weil man gut zuhören muss, denn ganz abgesehen von der unruhigen Kulisse unter freiem Himmel ist dieser Film ein leiser. Gebremstes Spiel, stets die beklemmende Atmosphäre der Zeit und Umstände widerspiegelnd. Die Menschen vor dem Bundespresseamt werden respektvoll still und ich stütze mich mit meinen Ellenbogen auf den Tisch.

Auf der Leinwand wird die Überwachung aufwändiger, die Schicksale verweben sich. Die Stimmung ist eine Weile unheilschwanger, dann passiert uns ein Partydampfer auf der Spree. Grüne und rote Lichter, Bass und winkende Hände. Wenig später kommt ein Mann mit glasigen Augen an meinen Tisch, weil er meine leere Plastikflasche will. Kann er haben, ja. Nein, die andere nicht. Lass die hier. Die ist doch noch halb voll.

Der Film entfaltet mit stoischer Ruhe seine menschlichen Tragödien. Irgendwann höre ich etwas, das wie Hufgetrappel klingt. Es kommt nicht aus den Lautsprechern, also schaue ich mich um. Aus einer Seitenstraße fährt ein Fiaker hervor: Unter der Kutsche leuchten blaue LEDs.

Als der dunkelste Moment im „Leben der Anderen“ kommt, ist er brutal konsequent. Ohne Schnörkel, ohne Pathos, ohne Zögern – nur traurig. Ich habe einen Kloß im Hals. Von hinten schreit eine Frau, dass Deutschland verrecken solle. Viele Zuschauer blicken sich um. Unter Flüchen verlässt die Frau den Platz. Nicht lange danach endet der Film. Applaus brandet auf, ich schaue mir noch den Abspann an, während Viele ihre Klapphocker und Decken zusammenpacken. Als ich dann ebenfalls aufbreche, beobachte ich kleine Grüppchen, die noch auf den Steinbänken rund um den Platz sitzen bleiben und reden. Dazwischen wuseln Pfandsammler. Einer trägt eine volle Tüte mit Plastik an mir vorbei. Wie hat er das so schnell gemacht? Und wo kommen die alle gleichzeitig her? Das sieht sehr effizient aus.

Bahnhof Friedrichstraße. Mit mir strömen Gruppen von Teenagern in den Eingang. Ich hätte gedacht, dass die nach dem Film alle McDonald’s stürmen.

Machen sie aber nicht.

3D-Brillen für das politische Spektrum!

Die meisten Politikerinnen und Politiker widersprechen nicht, wenn sie und ihre Arbeit über eine Richtungsangabe definiert werden. Dieser Tage fällt mir das besonders auf.

Ich habe das nie so richtig verstanden. Links, Mitte, Rechts? Das ist bei Wasserhähnen wichtig oder beim Blinker setzen. Aber Politik? Inhaltlich flach wirken will da niemand, nur bei der Betitelung nimmt man es nicht so genau. Da darf es gerne zweidimensional sein.

Sicher, Hauptsache identifizierbar. Je einfacher, desto klarer. Im Zweifel genügt es politisch schon, sich von der realen oder auch nur postulierten Gegnerschaft abgrenzen zu können. „Rechts von mir ist nur noch die Wand“, soll Strauß gesagt haben (finde gerade keinen zitablen Beleg). Das ist nun bald ein halbes Jahrhundert her, sprich so lange, dass an Abgeordnete in Turnschuhen noch nicht einmal zu denken war. Hat sich in der Politik seitdem nicht doch erheblich mehr geändert als eine X-Achse abbilden kann? Oder falls die Lücke zeithistorisch noch nicht groß genug ist: Die Begriffe „links“ und „rechts“ gehen auf die Sitzordnung im französischen Parlament vor fast 200 Jahren zurück. Gegen den Monarchen oder für ihn? So saß man halt. Und völlig egal, dass nach jeder Wahl noch immer schön ordentlich von links nach rechts vor den öffentlich-rechtlichen Kameras Platz genommen wird: Wir wissen doch alle, dass die Dinge ein wenig komplizierter geworden sind.

Irgendwie scheint alles aus Modulen zu bestehen, außer in der Politik. Ich meine, du kannst dir ein Smartphone nach Lego-Art zusammenstellen lassen. Der Pfad durch moderne Studiengänge sieht aus wie eine in sich verschraubte DNA-Helix. Mein Erbgut kann ich im Keller analysieren und wenn ich ein Sandwich kaufen will, muss ich jede Zutat einzeln auswählen.

Aber politische Überzeugungen quer über Bildung, Wirtschaft, Ethik, Verteidigung, Arbeit, Soziales, Inland und Ausland hinweg lassen sich danach einteilen, ob Rot links von Schwarz sitzt oder nicht?

Ich will mindestens eine Erweiterung des Bundestags um „oben“ und „unten“. Die Leute auf dem Dach können mit Fenstermalstiften Redeeinwürfe in den Plenarsaal spiegeln. Die Fraktion im Keller kann mit Besen gegen die Decke klopfen. Auch der Rang sollte zur Verfügung stehen, so für die politisch Halbhohen. Im Übrigen sollte dann auch dringend über ein Rotationsprinzip nachgedacht werden, quasi ein Zirkeltraining. Je nach Punkt auf der Tagesordnung würde ich auf Platzwechsel hoffen.

Wer richtig schwitzte, würde damit diverse Standpunkte nachweisen. Getränkestationen in den Treppenhäusern.

Am Ende vielleicht ein Tesserakt der Demokratie? Immerhin wäre Bewegung drin.

By JasonHise at en.wikipedia [Public domain], from Wikimedia Commons“

#jesuischarlie

#jesuischarlie

Ich hatte ein Glas
Es war
Voll und klar

Die Hand hatte Wucht
Sie kam
Von der Seite

Beide also…
…hier
Scherben am Boden…
…hier

Ich hörte die Frage
Ob es mir schmeckte.

Ob es mir schmeckte?

Sah nur die Scherben
Und hörte kaum hin
Am Tisch nebenan sprach jemand
Für mich:

Erfrischend und kühl!
Sie formte mit Fingern
Ein Glas in der
Luft

Dann blickte ich höher
Über die Scherben
Von hinter der Bar rief jemand
Für mich:

Samtweich und süßlich!
Er setzte genussvoll
Die Hand an die
Lippen

Ich stieß darauf an
Wir tranken und traten
Löschten den Durst
Und tranken und traten
die Scherben zu Staub

Ich habe ein Glas
Das niemals zerbricht

Weil ich es denke
Weil ich es sage

Ich habe ein Glas

Stein vs. Peng

Neulich bei der re:publica 2014: Ich stehe im Hof zwischen gutgelaunten Ironbloggern. Sie leeren ihre Bierkasse und scherzen über lustige Aufnahmerituale. Und mal wieder überlege ich, warum ich nicht auch einfach mitmache…

Aber einmal in der Woche bloggen? Regelmäßig? Das schaffe ich einfach nicht. Will weder Alibi-Posts schreiben noch mir den Kopf auf der Suche nach einem Thema zermartern müssen. Kurz: ich hantiere mit Pros und Cons – was die Geißel so ziemlich jeder Spontaneität, Begeisterung und Coolness ist. Nein, nichts für mich, …aber ein bisschen Wehmut bleibt hängen.

Peng!

Die re:publica ist der perfekte Ort, um sich an jeder Ecke eine Dosis wehmütige Selbstreflexion abzuholen. Der ganze Saal bei der Session des Peng! Collectives trieft, Verzeihung, „kollektiv“ davon. Es geht um Kampagnenarbeit für NGOs und es klingt alles peinlich einfach: Machen statt lange brüten! Eine Idee, ein paar Freunde, schnell eine Website aufgesetzt, Aktion starten. Kosten minimal, Öffentlichkeit maximal. Zum Beweis zeigen die beiden Pengs das zum Schreien komische Video Ihrer Aktion zum Science Slam von Shell, wo sie die Bühne mit einer Dreckfontäne besudeln und die gesamte Veranstaltung sprengen konnten, weil Menschen ihnen abkauften, mit Autos könne in Zukunft die Luft gereinigt werden. Die Nummer kannte ich schon und besonders gelungen finde ich immer noch den abschließenden Einzeiler „Hier können wir den Stecker ziehen, in der Arktis nicht!“

Das Publikum der Session? Begeistert. Und um noch eins drauf zu setzen, ziehen Peng! Collective am nächsten Tag vor Ort als Lehrstück in Subversion ihren Google-Nest-Stunt durch, der die Pressestelle von Google und die Medienlandschaft tagelang beschäftigen soll.

Stein!

Am dritten Tag der re:publica beginnt Holm Friebe seinen Vortrag zur Stein-Strategie mit einem lakonischen „Unter Disruption machen wir es nicht mehr.“ Das Publikum? Begeistert. Und im großen Saal 2 sind zehnmal mehr Menschen versammelt als im kleinen Saal des Peng! Collectives. Hier wird in straffen 30 Minuten zur Abwechslung der Aktionismus gegeißelt, nicht das Abwägen. Den brechend vollen Raum interpretiere ich augenblicklich als kollektive Katharsis all jener, die wehmütig Zwangsreflexion betreiben. Das waren schließlich harte drei Tage re:publica, mit ihrem Funkenregen an Ideen und kreativer Leichtigkeit! Bei Friebe gibt es Balsam für die Seele: ein Plädoyer für das Abwarten. Hier fliegen asiatische und afrikanische Sprichwörter wie „Das Gras wächst auch nicht schneller, wenn man daran zieht.“ Ich lache herzhaft bei der Feststellung, dass wir uns von der Zukunft fliegende Autos gewünscht, aber nur 140 Zeichen bekommen hätten. (Und twittere das natürlich.)

Friebe zitiert Investorenlegenden, die an der Grenze zur Lethargie reich geworden sind, zeigt das Video eines Fußballtorwarts, der beim Elfmeter einfach in der Mitte stehen bleibt, …und den Ball im Stehen einfach fängt. Letzteres wird mit der verblüffenden Statistik garniert, dass der Ball erwiesener Maßen häufiger mittig im Netz landet als links oder rechts. Stellt sich die Frage, warum Torwarte trotzdem spektakulär in eine Ecke hechten, obwohl es sinnvoller wäre, einfach stehen zu bleiben. Weil das simple Stehenbleiben „scheiße aussieht“, so Friebe.

Das leuchtet ein. Der Mensch hat Angst, untätig zu wirken. Dann doch lieber etwas tun, um etwas getan zu haben. Action bias nennt das Friebe. Und die re:publica-Besucher der Stage 2 verlassen mit gestrecktem Rücken und einem Lächeln den Saal.

Ja, wie denn nun?

Schön ist, dass man sich nicht zwischen dem Peng’schen Ansatz und der Stein-Strategie entscheiden muss. Was wirken mag wie kontrastierende Pole, sind ganz unterschiedliche Dinge: Das eine spricht von der Aktion als Handlungsprinzip, das andere vom Aktionsprinzip der Handlung. Wo da der Unterschied liegt? Bei Friebe steht hinter allem Tun (oder eben Nicht-Tun) eine Sache, beim Peng! Collective nicht.

Da die Session der Aktionsprofis an NGOs gerichtet war, fragte ich am Ende aus dem Plenum, ob es auch mit Aktionen ohne Disruption bzw. das „Sprengen“ von Dingen gehen würde. Ohne Blame-game, sozusagen. Die Antwort war smart, wie ich fand: Ja, natürlich, weil bspw. in der Öl-Aktion beim Science Slam das Unternehmen Shell stellvertretend für alle Mineralölkonzerne stand. Es ging um das Zeichen, um die Bewusstmachung eines Missstandes, weniger um genau diesen einen Konzern.

Und dennoch: Das Peng! Collective präsentierte neben dem Shell-Stunt eine Kampagne gegen die Atomlobby, gegen konservative Kommunalpolitik, gegen einen ehemaligen Bundespräsidenten, …und einen Tag später gegen Google im Gewand der Datenkrake. Arbeit mit Antagonisten, schön und gut. Aber das funktioniert nur dann, wenn man von einem thematischen Gegenspieler zum nächsten zieht. Als thematische Heuschrecke, zwar der Ethik statt der Hedgefonds, aber trotzdem als Heuschrecke. Verbrannte Erde hinterlassen und weiterziehen, weil das Dranbleiben an Dingen, die geändert werden sollen, nicht Sache der Aktion ist. Google kann man getrost auslachen, wenn der Konzern nach dem coolen Spaß dann doch um Klarstellung auf der Hoax-Seite bittet. Aber Peng! Collective wollen auch nicht mit Google kooperieren, oder mit Microsoft oder Yahoo! oder sonst einem Branchenriesen. Ist ihre Sache nicht. Statt einer Sache haben sie wahlweise viele Produkte (die Aktionen) oder genau eines: sich selbst als spektakuläre, kreative Guerilla.

Wer eine Sache hat, meinetwegen als NGO (um die es eigentlich in der Session ging), der kann sich verbrannte Erde nicht leisten. Wo Missstände herrschen, müssen in der Regel Einstellungen geändert werden. Das dauert und erfordert Dialog, Verhandlungen, Argumente, Wiederholung. Schock geht schneller, Wut auch und erst recht negative Publicity. Allerdings neigen vergrätzte Parteien dazu, Dialog zu verweigern, Verhandlungen abzulehnen, Argumente als Polemik abzutun und durch Wiederholungen von Mal zu Mal feindseliger zu reagieren. Im schlimmsten Fall wird man erst gar nicht ernst genommen, höchstens als Bedrohung angesehen.

Aktivisionismus

Das alles heißt nicht, dass eine kunstvolle Aktion kein probates Arbeitsmittel sein kann. Sie als Erfolgsmaßnahme für Ergebnisdurstige darzustellen, spielt jedoch dem Aktionismus in die Hand. Handeln, weil es blitzt und kracht? Machen und lachen, dann weiterziehen? Schlecht, wenn man ein Ziel verfolgt, in dem man nicht isoliert agieren kann und auf andere Menschen und/oder Organisationen angewiesen ist. Und das, nicht zufällig, ist der bestimmende Kontext für Non-governmental organizations.

Aber NGOs und Disruptionsaktionismus haben eine Gemeinsamkeit. Ohne größere Vision geht es hier wie dort nicht. Ohne Vision weiß eine NGO nicht, wofür sie eintritt. Und wenn sich eine aggressive Störungsaktion gegen jemanden/etwas wendet, dann wird sie nur dann erfolgreich sein, wenn sie visionär genug ist, um die Schwachstellen des Antagonisten durchdringen zu können. Vor dem Entlarven kommt das Verstehen. Insofern hat das aktionistische Heuschreckentum vielleicht doch etwas Grundvisionäres, indem es bei jeder Störung dieselbe visionäre Technik einsetzt.

Nennen wir es Aktivisionismus! Nicht als Wundermittel andrehen lassen, aber auch nicht ignorieren. Bei Holm Friebe heißt das, „den Hype nicht überschätzen, aber langfristig auch nicht unterschätzen.“

Vielleicht ist das, was ich an der re:publica mag, nicht das, was einzeln in den Sessions präsentiert wird, sondern die Möglichkeit, Informationen zu vergleichen, neu zu bewerten und etwas Eigenes zurückzubehalten.

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Just another day on the internet…

Ich habe soeben mein Premium-Testabonnement bei Spotify gekündigt. Das war ganz leicht und ging so:

  1. Anmeldung im Browser, mit Benutzernamen und Passwort.
  2. Unten links am Bildschirmrand gibt es ein 5x5mm großes Zahnradsymbol für Einstellungen. Geklickt.
  3. Auf „Konto“ wechseln.
  4. Im Kontomenü einen Absatz über Premium-Kündigung gefunden. Link auf eine separate Kündigungsseite, die in einem neuen Tab geöffnet wird.
  5. Durch eine Produktübersicht aller Features und Vorteile des Premium-Abos scrollen, ganz unten die mit Link unterlegte Frage finden „Möchtest du wirklich kündigen?“. Geklickt.
  6. Neue Seite, auf der per Auswahlmenü nach Gründen für den Kündigungswunsch gefragt wird. Eine Auswahl muss stattfinden, keine Antwort ist keine Option. Auf „anderer Grund“ geklickt.
  7. Freitextfeld öffnet sich, in dem der „andere“ Grund beschrieben werden soll. Oben in der Beschreibungszeile steht am Ende in Klammern „(optional)“. Nichts geschrieben, auf Kündigungsbutton gedrückt.
  8. Neue Seite mit Abschiedstext öffnet sich. Bitte vor Kündigung erneut das Passwort zum Account eingeben. Gemacht, geklickt.
  9. Neue Seite mit Zeile, dass die Abo-Kündigung passiert ist, öffnet sich. Nur Text, plus ein grüner Button, der mich einlädt, das Abonnement wieder aufzunehmen.
  10. Fertig.